Fibrodysplasia
Ossificans Progressiva (FOP): Muster des Fortschreitens
Frederick
S. Kaplan, M.D. und Sharon L. Kantanie
Fibrodysplasia
Ossificans Progressiva (FOP) ist eine sehr seltene Krankheit,
bei der der Körper in unvorhergesehener Weise zusätzliche
Knochen an Stellen bildet, an denen sie nicht sein sollten:
in Muskeln, Bändern, Sehnen und anderem verbindenden
Gewebe. Es ist eine fortschreitende Krankheit, bei der
der Körper im wesentlichen von einem Extraskelett
eingeschlossen wird. Jedoch erfolgt das Fortschreiten
der Krankheit nicht zufällig. Obwohl FOP auf alle
Patienten unterschiedlich einwirkt - zu verschiedenen
Zeiten, in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichen
Auswirkungen - treten klare Muster hervor. Gewöhnlich
beeinträchtigt FOP die Patienten in folgender Weise:
seine Entwicklung ist axial zu appendicular (d.h.: Nacken,
Wirbelsäule und Schultern sind vor den Ellenbogen,
Hüften und Knien betroffen). Die Entwicklung ist
auch kranial zu kaudal (d.h.: Schultern und Ellenbogen
sind vor Hüften und Knien betroffen). Schließlich
ist die Fortentwicklung proximal zu distal. Mit anderen
Worten: Schultern sind vor Ellenbogen und Handgelenken
betroffen , sowie Hüften vor Knien und Fußgelenken.
Dieses
Wissen hat enorme Konsequenzen sowohl für die Familien,
die mit den täglichen Auswirkungen von FOP leben,
als auch für diejenigen, die diese Krankheit studieren
und behandeln. Wie Rocke und andere bemerkten, erlaubt
dieses kürzlich entdeckte Muster Familien, für
die Bedürfnisse ihrer Kinder mit fortschreitender
Behinderung im voraus zu planen. Sie können auch
als eine "Grundlinie zur Entwicklung möglicher neuer
Therapien" dienen, "während Zustand und Patientenzahl
bei dieser sehr seltenen Krankheit die Nutzung von willkürlichen
oder kontrollierten Versuchen nicht erlaubt." (Rocke und
andere).
Dieses
Muster des Fortschreitens, zuerst vorgetragen von Kaplan
1990, wurde in einer Studie mit 44 von 60 (73%) der Mitglieder
der International Fibrodysplasia Ossificans Progressiva
Association (IFOPA) bestätigt. Verschiedene Altersgruppen
waren vertreten; zwei Teilnehmer waren unter 5 Jahre alt,
fünf zwischen 5 und 9, sechs zwischen 10 und 19,
neun zwischen 20 und 29, fünfzehn zwischen 30 und
39, fünf zwischen 40 und 49 und zwei waren über
50 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer war
27 (3 - 69). 18 waren männlich und 26 weiblich (40%
männlich, 60% weiblich). Jedem Teilnehmer wurden
anatomische Karten ausgehändigt, die 15 gemeinhin
betroffenen Stellen bezeichneten, und gebeten, die Stellen
zu identifizieren, die bei ihnen betroffen sind und bei
welchem Patientenalter es anfing. Der Anfang der Knochenbildung
wurde als der erstmalige Zeitpunkt des Schmerzes/ der
Schwellung definiert.
Das
Durchschnittsalter, bei dem FOP das erste Mal auftauchte
war 5 Jahre (Bereich Geburt - 25). Vier waren bei Geburt
betroffen und achtzehn (41%) bis zum 2. Lebensjahr. Mit
7 Jahren waren 80% der Teilnehmer beeinträchtigt.
Bis zum 15. Lebensjahr berichteten 95% von dem Einsetzen
der Krankheit. Diese Ergebnisse belegen, daß FOP
sich in der ersten Dekade des Lebens offenbart.
Am
häufigsten wurde der Nacken als erste Stelle der
Verknöcherung genannt (26 Personen oder 59%), danach
Wirbelsäule (20 P. = 45%) und Schultern (45%). Der
Prozentsatz ist deshalb mehr als 100, weil 61% der Teilnehmer
erstmaligen und gleichzeitigen Beginn der Krankheit an
mehr als einer Stelle beschrieben haben. Zum Beispiel
berichteten 12 Teilnehmer (27%), daß das Einsetzen
von FOP konkurrierend an allen drei Stellen auftrat. Nur
5 (11%) meldeten das Einsetzen von FOP an anderen Stellen
als Nacken, Wirbelsäule oder Schultern. Ein Teilnehmer
meldete das erste Einsetzen an den Ellenbogen/Handgelenken.
Zwei markierten das Knie und zwei andere die Hüfte.
Es gab keine festgestellten Unterschiede zwischen den
Geschlechtern. Im Durchschnitt erfolgte die Schwere Beeinträchtigung
der unteren Gliedmaßen eine Dekade später.
Das
mittlere Alter, basierend auf den Ergebnissen der 44 Patienten,
in dem spezifische Stellen betroffen sind, ist wie folgt
(in Jahren): Nacken 6 (+- 6), Wirbelsäule 6 (+-5),
Schulter 7 (+-6), Hüften 13 (+-8), Ellenbogen 13
(+-10), Knie 16 (+-9), Handgelenk 16 (+-8), Fußgelenk
17 (+-10) und Kiefer 18 (+-8). Interessanterweise meldeten
Männer den Einsatz der Hüftverknöcherung
früher (mittlerer Durchschnitt 10 Jahre) als Frauen
(Durchschnitt 15 Jahre). Die Daten zeigen auch, daß
das Risiko der Verknöcherung des Nackens, der Wirbelsäule,
der Schultern, der Ellenbogen und der Fußgelenke
mit dem Alter gleich bleibt. Stellen erhöhter Risikozunahme
mit dem Alter sind Kiefer, Handgelenke, Hüften und
Knie.
Diese
Ergebnisse, daß FOP einem Muster fortschreitender
Entwicklung folgt, könnten zufällig sein. Es
ist aber wahrscheinlicher, daß die Genese von FOP
ein Gen-geregeltes Muster beinhaltet. Cohen schloß
daraus, unter der Voraussetzung unseres Wissens, daß
auch knochen-morphogenetische Proteine, also Proteine,
die in vertrauter Weise bei der Knochenentwicklung beteiligt
sind, in den Prozeß der FOP-Knochenbildung verwickelt
sind. Es ist möglich, daß die gesuchten FOP-Gene
diejenigen sind, die knochen-morphogenetische Proteine
verschlüsseln (Cohen u. andere).
Quellenangaben:
Cohen,
Randolph B. et al. The Natural History of Heterotopic
Ossification in Patients who have Fibrodysplasia Ossificans
Progressiva: A Study of Forty-Four Patients. J. Bone
and Joint Surgery, 75-A (2): 215-219, 1993.
Kaplan,
F.S. et al. Fibrodysplasia Ossificans Progressiva: A Clue
from the Fly? Calcif. Tissue Internat, 47: 117-125,
1990.
Rocke,
David M., Ph.D et al. Age-and Joint-Specific Risk of Initial
Heterotopic Ossification in Patients Who Have Fibrodysplasia
Ossificans Progressiva. Clin. Orthopaedics, 301:
243-248, 1994.