Katastrophale
Stürze bei Menschen mit FOP
by
David L. Glaser, M.D., David M. Rocke, Ph.D., Frederick
S. Kaplan, M.D., und Sharon Kantanie
Während
der letzten Jahre haben Ärzte der FOP-Arbeitsgruppe
an der Universität von Pennsylvania von unzähligen
Berichten über verhängnisvolle Stürze bei
Patienten mit FOP gehört. Um das Vorkommen und die
Schwere dieser Stürze zu untersuchen, wurde eine
Briefumfrage unter den 135 Mitgliederpatienten der IFOP
A gemacht. Zu dieser Zeit repräsentierten diese 135
Patienten 90% der weltweit bekannten FOP-Patienten. Ein
modifizierter Fragebogen, bei dem FOP-spezifische Fragen
ausgelassen wurden, wurde an eine 94-köpfige Kontrollgruppe
verschickt, die in der Ambulanz des Kinderkrankenhauses
von Philadelphia sowie in einer öffentlichen Cafeteria
außerhalb eines Krankenhauses angetroffen wurden.
Die
Teilnehmer beider Untersuchungen wurden befragt, ob sie
je einen Sturz mit Verletzungsfolge erlitten. Andere Fragen
betrafen das Alter zum Zeitpunkt des Sturzes, welche Faktoren
den Sturz auslösten, ob es irgendwelche Dauerfolgen
des Sturzes gab, ob der Sturz sich inner- oder außerhalb
von Gebäuden und wieviele Stürze sich im Jahr
vor der Untersuchung ereigneten.
In
der FOP-Gruppe berichteten eine weitaus größere
Zahl von Teilnehmern (81%) von Stürzen mit Verletzungsfolgen
als in der Kontrollgruppe (44%). Der auffälligste
Unterschied zwischen beiden Gruppen betraf die größere
Häufigkeit schwerer Kopfverletzungen, Bewußtlosikeiten,
Gehirnerschütterungen, Nackenverletzungen und Rücken-
/ Torso-Verletzungen bei FOP-Patienten. Bei der Kontrollgruppe
gab es eine größere Häufigkeit von Stirn-
und Kopfwunden. Bei der Gruppe der FOP-Patienten kam es
auch eher vor, daß sie im Krankenhaus behandelt
wurden, daß sie dauerhafte Funktionsstörungen
sowie bleibende Gehbehinderungen durch Stürze erlitten.
Tatsächlich lösten 2/3 der Stürze schmerzhafte
Krankheitsschübe aus, die zu dauerhaftem Verlust
der Beweglichkeit führten. Insgesamt führten
mehr als die Hälfte aller Stürze in der FOP-Erkrankten
zu dauerhafter Behinderung.
Ein
stabiler Gang erfordert Stärke, Balance und Koordination.
Unglücklicherweise gibt es unzählige Faktoren,
die diese Fähigkeiten bei FOP-Patienten reduzieren.
Wegen der verminderten Flexibilität des Nackens und
des Brustkorbes werden visuelle Eindrücke durch ein
begrenztes Sehfeld reduziert, welches selten so justiert
werden kann, daß sie die Oberfläche sehen,
auf der sie gehen. Selbst wenn der Patient durch sensorische
Eindrücke auf eine gefährliche Situation aufmerksam
wird, sind die motorischen Fähigkeiten durch Gelenkverwachsungen
und Muskel-beeinträchtigungen begrenzt. Mobilitätseinschränkungen
durch Verwachsungen des Nackens, des Rumpfes und der Gliedmaßen
vermindern drastisch die Fähigkeiten zur Balance
und zur Schutzhaltung bei Stürzen, was wiederum die
Wahrscheinlichkeit subsequenter Stürze mit daraus
resultierenden Gewebeverletzungen erhöht. Auf diese
Weise sind die Patienten in einem Kreislauf wiederholter
Stürze, Verletzungen, Behinderungen und daraus resultierenden
Stürze gefangen.
Bei
der Anzahl der erlittenen Kopfverletzungen gab es zwischen
den beiden Studiengruppen keine wesentlichen Differenzen.
Jedoch waren schwerwiegende Kopfverletzungen deutlich
eher in der FOP-Gruppe zu finden, während kleinere
Verletzungen bei der Kontrollgruppe üblich waren.
Die Anfälligkeit für schwere Kopfverletzungen
bei FOP-Patienten verdeutlicht ihre Unfähigkeit sich
durch den Gebrauch der oberen Gliedmaßen zu schützen
und so den Aufprall bei Stürzen zu vermindern.
Um
Stürze und damit verbundene lebensbedrohliche Verletzungen
zu vermeiden, können Maßnahmen ergriffen werden,
etwa eine Änderung der Aktivitäten, Benutzung
eines Kopfschutzes, Verbesserung der Sicherheit im Haushalt
und der Gebrauch von Stabilisierungshilfen wie Spazierstöcke
oder Stützwagen. Es ist wichtig, für jeden individuell
zwischen Unabhängigkeit und Sicherheit abzuwägen.
Umwandlung des Spielverhaltens zu weniger interaktivem
Spiel kann eine Alternativlösung sein. Eine gänzliche
Vermeidung risikoreicher Umstände kann die Stürze
reduzieren, aber ebenso die Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit
des Patienten so einschränken, daß es für
manche inakzeptabel wird.
Im
Heimbereich können Anpassungen der Lebensumstände
vorgenommen werden, wie etwa die Installation von Geländern
an Treppen, Fixierung losen Teppichs, Entfernung von Hindernissen
auf Verbindungswegen und Ausgleichen unebener Flächen
einschließlich Türschwellen. Die Installation
von Rampen anstelle von Treppen kann hier auch hilfreich
sein.
Unglücklicherweise
sind die Vielzahl der Unfallmöglichkeiten schwer
vorauszusehen oder zu vermeiden. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe
ist bei FOP-Patienten der Verlust der Balance die häufigste
Ursache für einen Sturz. Verhinderung von Stürzen
aufgrund Gleichgewichtsverlustes beginnt mit der Stabilisierung
der Haltung. Die Benutzung von Spazierstöcken, Krücken
oder Gehhilfen (einschl. Typen mit Rädern für
eher mobile Personen) können die Balance verbessern.
Weil FOP jedoch den Gebrauch der oberen Gliedmaßen
einschränkt, ist der Nutzen dieser Geräte für
viele Patienten begrenzt. Besondere Aufmerksamkeit (oder
Vermeidung) sollte unebenen oder glatten Flächen
gelten.
Obwohl
es am Besten ist, Sturzverletzungen durch entsprechende
Vorkehrungen zu vermeiden, sollten die dem Patienten verbliebenen
Schutzreaktionen unterstützt werden, um Verletzungen
durch Stürze zu minimieren. Der Gebrauch eines Kopfschutzes,
z.B. eines Helmes, reduziert das Risiko einer schweren
Kopfverletzung bei Risikogruppen wie Fahrradfahrern, Reitern,
Jockeys und Patienten mit Schlaganfall. Die Entscheidung,
ob ein Helm benutzt werden sollte oder nicht, sollte durch
die Familie und ihren Arzt getroffen werden und dabei
Faktoren wie die Neigung des Kindes zu Stürzen, die
Fähigkeit der Haltungsstabilisierung und die Fähigkeit,
sich selbst während eines Sturzes zu schützen
etc. berücksichtigen.
Stürze
passieren trotz bester Vorsorgemaßnahmen. Wenn es
zu einem Sturz kommt, sollte eine medizinische Untersuchung
erfolgen, besonders wenn Kopfverletzungen angenommen werden.
Jede Kopfverletzung sollte solange als ernsthaft angenommen
werden, bis das Gegenteil bewiesen ist. Einige übliche
Anzeichen und Symptome einer ernsthaften Kopfverletzung
sind zunehmende Kopfschmerzen, Benommenheit, Schläfrigkeit,
Schwäche, Verwirrung und Bewußtlosigkeit. Diese
Symptome tauchen oft Stunden nach der Verletzung auf.
Der Patient sollte sorgfältig von einem Arzt untersucht
werden, wenn auch nur entfernt eine Kopfverletzung angenommen
wird.
In
diese Studie können viele Unstimmigkeiten eingeflossen
sein. Erstens, das Vertrauen des Autors auf die Erinnerungen
derjenigen, die an der Untersuchung teilgenommen haben.
Jedoch auch wenn die genaue Erinnerung an alle Stürze
in Frage gestellt werden kann, sind Erinnerungen an Stürze
mit schweren Verletzungen und lebenslanger Behinderung
wahrscheinlich bei beiden, der FOP-Gruppe und der in Alter
und Geschlecht gleichen Kontrollgruppe, sehr exakt. Zweitens
wurden einige Fragebögen nicht zurückgegeben.
Jedoch ist es unwahrscheinlich, daß diese Fragebögen
die Schlußfolgerungen signifikant verändert
hätten. Drittens stimmte die Kontrollgruppe nur in
Alter und Geschlecht überein. Es wurden keine Versuche
gemacht, das Ausmaß der Aktivitäten, den gesellschaftlichen
Stand oder die detaillierte Krankengeschichte zu berücksichtigen.
Verletzungen, die bei der Teilnahme an athletischen Veranstaltungen
erlitten wurden, wurden ebenfalls ausgeschlossen. Insgesamt
führt die FOP-Gruppe eine eher sitzende Lebensweise
als die Kontrollgruppe.
Diese
Studie zeigt deutlich die verhängnisvolle Natur von
Stürzen bei FOP-Patienten. Durch Änderung der
Aktivitäten, erhöhte Sicherheit im Haushalt
und Stabilisierung der Haltung kann die Anzahl der Stürze
in dieser Gruppe reduziert werden. Jedoch wird es trotz
bester Vorsorgemaßnahmen zu Stürzen kommen.
Wenn es zu einem Sturz kommt, kann eine Unterstützung
körpereigener Schutzfunktionen die Verletzung minimieren.
Eine frühzeitige Erkennung ernsthafter Verletzungen,
speziell von Kopftraumata, kann die Schwere der Folgen
reduzieren.
Für
zusätzliche Informationen wenden Sie sich bitte an:
Glaser,
DL, Rocke DM, Kaplan FS. Catastrophic falls in patients
who have fibrodysplasia ossificans progressiva. Clinical
Orthopaedics and Related Research. In preparation.
To be published in Oct. 1997.