FOP
und lebensbedrohende Notfälle: Wie verfährt
man mit der Narkose?
Frederick
S. Kaplan, M.D. und Michael A. Zasloff, M.D., Ph.D.
Ein
Notfall ist definiert als Zustand, bei dem irreversible
Schäden oder der Tod eintreten können, wenn
keine sofortige Behandlung erfolgt. Bei FOP gibt es zwei
Arten von Notfällen: Jene, die direkt mit FOP zusammenhängen
und jene, die jedem passieren können.
Der
häufigste Notfall, der direkt mit FOP zusammenhängt,
ist die Bedrohung der Luftwege. Andere Notfälle,
die jedem passieren können, schließen Infektionen
oder Abszesse ein, die drainiert werden müssen, oder
akute Blindarmentzündung, schwere Verletzungen, die
chirurgische Eingriffe nötig machen, Nierenkoliken,
blutende Magengeschwüre etc..
Als
erstes werden wir die Behandlung gefährdeter Luftwege
bei FOP-Patienten betrachten. Die Doktoren Connor und
Evans berichteten im Journal Thorax (Ausgabe 36, S. 419-423,
1981), daß FOP-Patienten ein deutlich einschränkendes
Brustwandleiden haben, das sich jedoch nicht zum chronischen
Atemversagen steigert, sofern sich nicht eine Lungeninfektion
entwickelt. Dr. Connor berichtete anläßlich
des ersten FOP-Symposiums in Philadelphia, daß Komplikationen
aufgrund von Lungeninfektionen heutzutage weniger häufig
auftreten als in der Ära vor den Antibiotika. Akute
Atemwegsverstopfungen können selten auftreten, wenn
eine neue FOP-Schwellung die Vorderseite (nicht die anderen
Seiten) des Halses und den Mundraum betrifft, und damit
die Fähigkeit des Schluckens und Atmens einschränkt.
Während solch einer Episode kann die Anwendung von
hochdosierten Kortisonen über einen kurzen Zeitraum
dazu beitragen, die Schwellungen zu verringern. Man sollte
die Kortisone innerhalb von drei bis vier Wochen (Maximum)
ausklingen lassen und absetzen, weil sie letztlich das
Auftauchen neuer Knochen nicht beeinflußen.
Eine
Langzeitanwendung von Kortisonen kann bei FOP-Patienten
(wie bei jedem anderen Patient) mit Komplikationen verbunden
sein. Es gibt keine Studien, die beweisen, daß Kortisone
einen Einfluß auf den Verlauf der Verknöcherung
bei FOP haben, aber es scheint so, daß sie von Nutzen
sind, um akute Schwellungen bei Krankheitsschüben
zu vermindern. Generell empfehlen wir nicht den Gebrauch
von Kortisonen außer in lebensbedrohenden Situationen,
wenn die Schwellung sich zu einer potentiellen Gefährdung
der Luftwege entwickelt. Während einer solchen Periode
der Nackenschwellung ist die Einnahme halbfester Nahrung
sicherer als reiner Flüssigkeit, weil es dann weniger
wahrscheinlich ist, daß es die »falsche Röhre
hinuntergeht« und eingeatmet wird. Falls die Schwellung
an der Vorderseite des Halses stark ist und die Atmung
zu gefährden beginnt, kann es notwendig sein, den
Patienten stationär aufzunehmen. Im extrem seltenen
Fall einer Luftwegeverstopfung durch Schwellung an der
Vorderseite des Halses (ich habe nur von einem Fall bei
100 Patienten gehört) muß dann jeder Versuch
unternommen werden, die Luftwege wiederherzustellen, auch
wenn dazu eine chirurgische Operation, z.B. ein Luftröhrenschnitt,
durchgeführt werden muß. Verstopfung der Luftwege
ist ein akuter medizinischer Notfall bei jedem und führt
schnell zum Atemstillstand und Tod, wenn nicht Abhilfe
geschaffen wird. In einem solchen Notfall sind Überlegungen
zu FOP zweitrangig gegenüber der Wiederherstellung
der Luftwege und damit der Wiederherstellung der Sauerstoffversorgung
im Blut. Wir müssen betonen, daß dies eine
extrem ungewöhnliche (wenn auch lebensbedrohende)
Komplikation bei FOP ist.
Die
andere Gruppe von Notfällen ist verknüpft mit
dem notwendigen Gebrauch von Betäubungsmitteln bei
FOP-Patienten. Die beste Vorbereitung auf diesen unvorhersehbaren
Fall ist ein gut informierter Patient sowie seiner Familie
und ein gut vorbereiteter Anästhesist. Ein Vorschlag,
den viele hilfreich fanden, diesbezüglich Sorgen
abzubauen, ist eine bessere Vorbereitung auf diese Eventualität.
Bitten sie ihren Hausarzt, eine Einzelberatung mit dem
Anästhesisten ihres örtlichen Krankenhauses
zu arrangieren, so daß dieser sich ein Bild von
ihnen machen kann und einen Plan erstellt, um eine solche
Notfallsituation zu managen, wenn sie eintritt. Der gewählte
Anästhesie-Plan sollte festgeschrieben werden und
in ihrer Karteikarte abgelegt werden. Jeweils eine Kopie
sollten der Hausarzt und Sie selbst für den Fall
einer Reise erhalten. Das Schriftstück des Anästhesisten
sollte eine Warnung enthalten, daß intramuskuläre
Injektionen möglichst vermieden werden sollten und
daß darauf geachtet wird, Gewebever-letzungen zu
vermeiden. Ebenso müssen knöcherne Stellen während
der Operation abgepolstert werden, um Wundstellen zu vermeiden.
Mehrere
FOP-Patienten haben herausgefunden, daß ein gezieltes
Entfernen von Zähnen, wenn die Kiefer einmal zusammengewachsen
sind, hilfreich bei der Nahrungsaufnahme ist, sowie Zugang
zum Mundraum gewährt und darüber hinaus die
Einatmung der Nahrung verhindert. Es ist aber wichtig,
sich nicht aggressiven dentalen Eingriffen zu unterziehen,
solange des Kiefers noch beweglich sind, denn dies kann
schnell zur Verknöcherung des Kiefers und einer weiteren
Einschränkung der Beweglichkeit der Gelenke führen.
Ist der Kiefer jedoch zusammmen-gewachsen, gibt es nur
ein kleines zusätzliches Risiko bei der Zahnentfernung;
tatsächlich kann dieser Eingriff, wie oben erwähnt,
bei der Nahrungsaufnahme und der Atmung hilfreich sein.
Anästhesisten sind gut ausgebildete Experten in der
Behandlung von Notfällen. Selbst wenn man nicht eine
vorhergehende Beratung hatte und der Anästhesist
niemals vorher einen FOP-Patienten gesehen hat, ist ein
gut ausgebildeter Anästhesist in der Lage, schnell
einen schwierigen Luftwegzugang zu bewerten. Sie wissen,
wie man damit umgehen muß. Selbst wenn ein Notfall
eintritt, und man hatte keine spezielle Beratung durch
einen Anästhesisten, braucht man nicht in Panik zu
geraten. Der Anästhesist wird damit umgehen können,
genauso wie ein Pilot, der nie zuvor eine spezielle Route
geflogen ist, weiß, wie man eine Notsituation handhabt.
Zusammenfassend
kann man sagen, daß obwohl Operationen bei FOP-Patienten
vermieden werden sollen, weil sie zu neuen Verknöcherungen
führen können, es bestimmte Indikationen für
chirurgische Eingriffe und sorgfältiges und angemessenes
Luftwege-Management gibt. Eine Einzelbeurteilung durch
einen Anästhesisten ist eine vernünftige Maßnahme,
die ernste Bedenken vermindern kann, sollte eine Notfallanästhesie
notwendig werden. Natürlich können Ihre Ärzte
jederzeit Dr. Fred Kaplan (!: oder die Rheumaklinik Garmisch)
wegen Routine- oder Notfallfragen anrufen. Wenn einer
der Ärzte nicht im Büro ist, hinterlassen Sie
eine Nachricht und er oder ein anderes Mitglied des FOP-Teams
werden prompt zurückrufen.